Wie man die Dinge so akzeptiert, wie sie sind

Dieser Artikel ist ein Gastbeitrag von Benjamin Wittorf. Er unterliegt ebenso wie alle Inhalte, die von mir stammen, dem Uncopyright.

Recht häufig, wenn ich mich mit anderen Menschen unterhalte, kommt früher oder später ein Thema zur Sprache, das sie emotional belastet und unzufrieden macht. Das kann zum Beispiel der mangelnde Erfolg mit dem anderen Geschlecht sein, das Gefühl, beruflich keinen Erfolg zu haben oder gesellschaftlich keinen Einfluss nehmen zu können, oder dass sich ein gewohntes Umfeld, egal ob räumlich oder im Kopf, ändert. Sie wünschen sich dann, dass Frauen oder Männer anders wären, dass das berufliche Umfeld oder das soziale/politische Klima anders sei, oder dass alles so bleibt, wie es einmal gewesen ist. Dabei fällt nicht selten das Wort “ungerecht”. Zwar gibt es von mir Mitgefühl – allerdings auch nicht mehr. Ich lasse ihre Probleme ihre Probleme sein. Wenn ich aber um Rat gefragt werde, lautet der dann nur: Akzeptiere die Dinge so, wie sie sind.

Denn niemand sollte den emotionalen Knoten oder gar die Probleme anderer Menschen lösen (dabei helfen schon). Das sollten, und oft können es ohnehin nur sie selbst. Deswegen ist bei den meisten Selbsthilfemethoden und Persönlichkeitsentwicklungskonzepten der erste Schritt, der getan werden soll, dann eben auch “die Dinge so zu akzeptieren, wie sie sind”. Doch was bedeutet das nun genau, und wie kann man das schaffen?

Was geschehen ist, ist geschehen.

Genauer müsste es lauten: Was geschehen ist, kann man ohnehin nicht mehr ändern. Schönes Sprichwort, oder? Bestimmt aber nicht das, was man in diesem Augenblick hören möchte. Dazu kommt dann noch: Die Welt dreht sich trotzdem weiter, ob mit oder ohne einen. Das ist nunmal so, ob es gefällt oder nicht. Und je später man versucht, wieder mit zu kommen, desto schwieriger wird es, und je länger man wartet, desto mehr nagt die inzwischen schon längst vergangene Situation an einem. Man sollte sich nicht an das Geschehene klammern, als sei es die eigene und ausschließliche Zukunft. Sicher nimmt einen die Situation emotional mit, haftet an, aber es ist keine Spirale, man kann ihr entkommen. Die einzige Person, die emotionalen Schaden dadurch ermöglicht und zufügen kann, ist man schließlich selbst. Die Welt dreht sich weiter, das stimmt – das bedeutet aber auch, dass es weiter geht, und es nicht das Ende ist.

Wichtig zu verstehen ist dabei entsprechend, dass es kein Hingeben zum Schlechten – kein Fatalismus – ist. Es ist nicht “ist halt so”, kein gleichgültiges Hinnehmen. Im Gegenteil. Ich habe lange gebraucht, um das zu verstehen. Erst, wenn man die Dinge so akzeptierst, wie sie sind, kann man daran arbeiten, sie zu verändern. Was man nicht mehr ändern kann, kann man als zukünftigt verändernswert wahrnehmen, und sogar daran arbeiten, dass es so vielleicht nicht mehr passiert.

Um auf die Beispiele vom Beginn des Textes zurück zu kommen

Das andere Geschlecht

Das andere Geschlecht ist halt anders. Nur weil es einem persönlich nicht gefällt, oder man es ungerecht findet, wird sich das andere Geschlecht nicht anders benehmen. Warum sollten sich auch alle anderen ändern, wenn man es für sich selbst so sieht? Also: Männer und Frauen sind anders. Das zu akzeptieren ist der Anfang, und dann kann man schauen, was anders ist – vielleicht auch warum –, damit wunderbar leben und sich darauf entsprechend einstellen, und es zum Vorteil nutzen.

Der Platz im Beruf oder der Gesellschaft

Wer mit 20 kein Kommunist ist, hat kein Herz – wer mit 40 noch Kommunist ist, hat kein Hirn. Gerade als Student oder Absolvent, wenn man politisch motiviert ist, oder sich neu in der Arbeitswelt orientiert, erlebt man große Unterschiede zwischen dem, wie man die Welt gerne hätte, und wie sie wirklich ist. Ernüchterung kann zur Verbitterung werden, wenn man die Dinge nicht so akzeptiert, wie sie sind – um dann alles daran zu setzen, sie zu ändern. (Der Unterschied zwischen Aktionismus und Aktivismus.)

Es ist nicht mehr, wie es früher war

Früher war nicht alles besser, es war nur gewohnt. Das Lösen vom Bekannten fällt schwer, und Neues ist anstrengend und macht oft Angst. Ich kenne zum Beispiel jemanden, der es nicht mag, wie sich Sprache wandelt. Irgendwann resultiert das in Entfremdung, in Unverständnis neuer Ideen, Strömungen und Kulturen – und der nächsten Generationen. Sprache wandelt sich, und das vermeintlich sichere damals war für jemand anderes auch schon neumodischer Kram.

Schlussbemerkungen

Die Dinge so zu akzeptieren, wie sie sind, ist unglaublich schwer, und nichts, was man von einen Tag auf den anderen erlernen kann. Ich scheitere gelegentlich auch noch daran. Je wichtiger das Thema dann auch noch ist, umso schwerer ist es: der Partner, die Freunde, eine Ideologie.
Der Erfolg, die Erleichterung, und der erwachsene Umgang mit der Welt überwiegen den Aufwand aber um ein vielfaches.

Und nachdem das verinnerlicht ist, kommt der nächste Schritt: Verantwortung übernehmen. Für sich, und für andere.

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4 Kommentare

  1. Erstellt am 19. Oktober 2009 um 15:22 | Permanent-Link

    Sehr gut, ich finde diese Einstellung toll und versuche es auch so zu praktizieren. Dabei habe ich festgestellt, das das Aktzeptieren zu einem ruhigeren, stressfreieren Leben führt.
    Klar ist, das ein “Toben”, “Wüten”, “Trauern” oder “Jammern” zu rein gar nichts führt…nicht mal zu einer Verbesserung, geschweige denn zu einer Veränderung.
    Ich sage oft zu anderen: Was beschwerst du dich…daran kann man jetzt sowieso nichts ändern. Es ist nun mal so und wenn du es anders haben willst: dann ignoriere es oder verändere es. Noch besser aber akzeptiere es…werde toleranter und offener in Bezug auf Dinge, die wir eh noch nicht wirklich verstehen.

    • Ben
      Erstellt am 21. Oktober 2009 um 16:32 | Permanent-Link

      Hey Susann,

      danke für deinen Kommentar – und es freut mich sehr, dass dir diese Einstellung gefällt.

      Den Teil mit dem “stressfrei” hätte ich vielleicht auch noch erwähnen sollen, das ist in der Tat ein schöner Nebeneffekt. Schön finde ich auch das Erwähnen von “noch nicht wirklich verstehen”. Ist das für dich ein wesentlicher Punkt, um akzeptieren zu können?

      Ich bin gespannt darauf mehr von dir zu lesen.

  2. Tim
    Erstellt am 21. Oktober 2009 um 22:29 | Permanent-Link

    Dinge zu akzeptieren bedeutet, sich nicht dem permanenten “Warum?” auszusetzen. Im Dzogchen gibt es das Bildnis vom Pfeil, der in der Brust steckt. Es spielt keine Rolle, woher dieser kommt. Einzig zählt, dass man ihn herausgezogen bekommt. Die Dinge noch nicht zu verstehen? Da steckt Zuversicht drin. Glaubt man Platon, dann ist diese durchaus begründet: Ich weiß, dass ich nichts weiß!

    • Ben
      Erstellt am 22. Oktober 2009 um 11:25 | Permanent-Link

      Mich würde dann natürlich auch interessieren, wie ich in Zukunft vermeiden kann, dass mir wieder ein Pfeil in der Brust steckt. Ist ja auch ein Verstehen. Mir schweben gerade diesbezüglich Konstrukte von Wissen, Aktion, Reaktion, Prävention, Verantwortung und Wissen über die Realität herum. Gilt es zu sortieren.

      Danke also nicht nur für den Kommentar, sondern auch für den Link zum Wikipedia-Artikel – war (mal wieder) lesenswert.

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