Fährst Du jeden Tag denselben Weg zur Arbeit? Zur gleichen Zeit und triffst die gleichen Menschen? Häufig sehe ich sogar dieselben Autos an denselben Stellen, einige Kennzeichen kenne ich mittlerweile auswendig – weil sie mir jeden Tag entgegenkommen. So werden fremde Menschen zu einem festen Bestandteil meines Alltags, ebenso wie jede Kurve, jeder Baum und jedes Schlagloch. Nachdem mir zuerst die Strecke ungeheuer lang vorkam, verkürzte sich meine gefühlte Fahrzeit mit der x-ten Wiederholung. Ich fand es eine Zeit lang angenehm, weil ich von ganz alleine den Weg gefunden hatte und mir die Fahrt nicht mehr wie eine Ewigkeit vorkam. Wenn ich Dinge wie von Geisterhand getrieben mache, hat sich die Routine eingestellt.
Ich erkenne nichts Neues mehr und halte alles andere für selbstverständlich. Der schwarze Skoda mit dem Gladbacher Kennzeichen ist doch jeden Tag da. Manchmal fahre ich einige Minuten früher los, nur um zu schauen, welche anderen Menschen sich auf dem Weg zur Arbeit auf der Straße befinden. Je nachdem wie gering der Zeitunterschied ist, scheint sich die Welt nur ein wenig zu verschieben. Die Frau mit Hund und Kind ist noch nicht am Kindergarten angekommen, der schwarze Skoda begegnet mir erst eine Ampelphase später.
Vor einiger Zeit habe ich angefangen, mir unterschiedliche Wege zur Arbeit zu suchen. Heute wähle ich zwischen vier Routen und entscheide jeden Morgen aufs Neue, welche meinen Arbeitstag einläuten soll. Brauche ich das heimelige Gefühl, nehme ich die seit Jahrhunderten genutzte Landstraße, blicke von der Anhöhe in das Bergische Land und wage zweimal den Blick auf die verträumte Talsperre. Dann stelle ich mir vor, wie vor 300 Jahren die Pilger sich über die gleiche Straße gen Jakobsweg aufmachten. Manchmal nehme ich auch einen anderen Weg durch die benachbarte kleine Altstadt und denke darüber nach, wie ich früher immer wegziehen wollte – dabei ist es doch eigentlich ganz nett hier. Bin ich voller Tatendrang, fahre ich über die Autobahn und möchte ich mir meine Freiheit vor Augen führen, dann nutze ich die Straße entlang der heruntergekommenen Nachkriegshäuser und vorbei an der Justizvollzugsanstalt.
Welche Route ich aber auch immer wähle, jedes Mal merke ich, wie sehr doch mein Umfeld für meinen Gemütszustand verantwortlich ist. Und woher ich fahre, entscheide noch immer ich.
Das Foto der Abzweigung wurde von el_tommo aufgenommen.
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Ein Kommentar
….jeden Morgen, wenn ich mich mit dem Rad um kurz nach 8h Richtung RE-Station aufmache, sehe ich eine Spazierkombi bestehend aus zwei Damen mit je einem großen Hund. Das ein oder andere Mal, fragte ich mich bereits, ob die beiden wohl heute morgen Ihren Tee langsamer getrunken haben, die Leine nicht auffindbar war oder doch ich diejenige war, die mal wieder unbedingt das Lied im Radio zu Ende anhören musste:.(