Als wir vor drei Jahren in die Altstadt von Lennep zogen, fiel mir einer meiner neuen Nachbarn immer wieder ins Auge. Er wird zwischen 35-40 Jahren alt gewesen sein, hatte lange Haare und trug Anziehsachen wie ein richtiger Rocker: Schwere Lederstiefel, T-Shirts mit Totenköpfen, zerrissene Jeans und Kopftücher. Kurzum: Er war mir von vorn herein sympathisch, er schien meinen Musikgeschmack zu teilen. Ich dachte mir, was wird der wohl beruflich machen? Als wir beide zeitgleich einmal die Wohnung lüfteten, konnte ich einen Blick in sein Wohnzimmer erhaschen. Ein großer Gitarrenverstärker stand da mitten im Raum, an dem er bastelte. Gitarren hingen an den Wänden. Zu dieser Zeit hatte ich meine Magisterarbeit geschrieben und war daher viel zu Hause. Da mein Schreibtisch am Fenster meines Arbeitszimmers stand boten sich mir zahlreiche Möglichkeiten, mich mit den Menschen auf der Straße zu beschäftigen – damals war vieles spannender als meine Abschlussarbeit zu schreiben. Ich merkte, dass er spät das Haus verließ, zwischendrin immer wieder Heim kam, um dann wieder lange zu verschwinden. Er machte auf mich nicht den Eindruck, als würde er einen “normalen” Job ausüben. Ich war mir bald sicher: Der ist sicher Musiker! Wie falsch ich doch lag, merkte ich erst ein paar Wochen später.
Wie ich zu meinem Entschluss kam
Bevor ich das Rätsel um meinen Nachbar auflöse, fassen wir noch einmal zusammen:
- Sein Äußeres verriet: der mag Rock’n Roll
- In seiner Wohnung waren viele Musikinstrumente und nötige Zubehör
- Er schien nicht an “normale” Arbeitszeiten gebunden zu sein
- Sein Alter ist untypisch für einen Studenten
Warum ich meinen Nachbarn falsch beurteilt habe
Mein Nachbar sah aus wie ein Musiker und verhielt sich wie ein Musiker. Würde ich eine Definition eines hauptberuflichen (Rock-)Musikers abgeben müssen, dann würden all die oben beachteten Punkte auf ihn zutreffen – und selbstredend noch einige mehr. Mit anderen Worten: Er war ein typischer Musiker! Und genau an dieser Stelle setzte mein Fehlurteil ein. Weil er für mich so typisch Musiker war, hielt ich ihn für einen Musiker. Ich habe eine mentale Daumenregel – in der Psychologie Heuristiken genannt – angewendet. Genauer gesagt die Repräsentativitätsheuristik: Je ähnlicher eine Person einem typischen Mitglied einer bestimmten Gruppe ist, desto wahrscheinlicher ist diese ein auch ein Mitglied dieser Gruppe. Oder einfacher: Wer aussieht wie ein Musiker und sich verhält wie ein hauptberuflicher Musiker ist auch einer.
In vielen Fällen hilft uns Repräsentativitätsheuristik dabei, Menschen schnell und ohne viel Denkarbeit einzuschätzen. Oft liegen wir dabei sogar richtig. Diejenigen, die Rock’n Roll mögen teilen oft einen ähnlichen Kleidungsstil. Das Verhalten eines hauptberuflichen Musikers ist seinen Anforderungen angepasst: unregelmäßige Arbeitszeiten, das permanente Auseinandersetzen mit der Musik (Verstärker im Wohnzimmer, zahlreiche Gitarren an der Wand etc.). Hinzu kommt: Wer sich gerne mit Musik auseinander setzt und den Stil des Rock’n Roll mag, der wird wahrscheinlich auch zu einem Rocker.
Aber warum lag ich falsch? Ich habe die so genannte Basisrate bei meinem Urteil nicht beachtet: Die Häufigkeit, mit der bestimmte Ereignisse oder Strukturen (beispielsweise der Beruf meines Nachbarn) in der Gesamtbevölkerung auftreten. Denn es gibt wesentlich mehr selbstständige Handwerker als Profimusiker in Deutschland. Wenn ich dieses Wissen in mein Urteil mit einbezogen hätte, dann wäre ich vielleicht zu einer realistischeren Einschätzung gekommen. Vielleicht ist Musik einfach sein Hobby? Vielleicht erlaubt sein Arbeitgeber flexible Arbeitszeiten und verzichtet auf Business-Klamotten? Vielleicht ist er auch selbstständig und die Wahl seiner Anziehsachen nicht relevant für seine Kunden?
Die Auflösung
Abschließend möchte ich Dir natürlich nicht vorenthalten, welches Geheimnis hinter meinem Nachbarn steckt. Er besitzt ein kleines Ladenlokal direkt um die Ecke. Die Öffnungszeiten sind für Stadtkinder ungewöhnlich – in Lennep, wie in vielen Dörfern, aber Gang und Gäbe. Das er in unregelmäßigen Abständen immer wieder Heim kam, lag schlicht daran, dass sein Ladenlokal keine eigene Toilette hat. Das er Abends lange wegblieb, war vor allem darauf zurückzuführen, dass sein Auftragsvolumen sehr hoch war und er hauptsächlich den Laden alleine führte.
Das Foto des In-Flames-Gitarristen Jesper Strömblad wurde von markcoatsworth aufgenommen.
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Ein Kommentar
Guy Kawasaki fragt gerade nach ein paar Beispielen für Verfügbarkeitsheuristiken. In den Kommentaren sind ein paar obwohl-bekannt-doch-interessant.