Nach dem Abitur hatte ich zwar einen Schulabschluss in der Hand, der mir die geistige Reife für ein Studium bescheinigte, aber ich hatte keinen Blatt bekommen, das mir bescheinigte, dass ich wusste, was ich wollte. Ich dachte, dass meine Mathematikkompetenzen nicht für ein Ingenieurstudium reichen würden – was mir damals von vielen Seiten sehr ans Herz gelegt wurde. Also nahm ich die Wirtschaftswissenschaften in Angriff mit der Hoffnung, dem dort genutzten Zahlenwirrwarr Herr zu werden. Vierzehn Übungsblätter bekamen wir ausgehändigt, die ersten anderthalb schaffte ich. Die nächste Vorlesung auf meinem Plan handelte von Lernmethoden. Nach dem hoffnungslosen Scheitern in Mathematik, Statistik und Rechnungswesen war ich überzeugt, dass diese Vorlesung heilsbringend sei. Und das war sie auch. Nur ganz anders, als ich damals dachte.
Die zwei unterschiedlichen Formen des Lernens
Der damals bereits emeritierte Professor hielt die Vorlesung über das Lernen freiwillig und aus Spaß am lehren. Sein Credo: “Wenn Du lernen musst, dann ist es das falsche Studium”. Nicht wenige hielten ihn für einen abgedrehten alten Kauz. Manche gingen, meine Aufmerksamkeit hatte er nach diesem Satz vollends gebunden. Er griff eine Lerndefinition aus der Psychologie auf – nach dem Psychologie-Lexikon unterscheidet man zwischen implizitem und explizitem Lernen.
Explizites Lernen minimieren
Unter explizitem Lernen versteht man das willentliche Lernen. Diese Lernform ist ein bewusster Akt. Ich muss mich also aktiv dazu entscheiden, mich hinzusetzen und zu pauken. Ich muss mich aktiv dazu entscheiden, auswendig zu lernen und zu büffeln. Ich habe das immer als ein Pflichtprogramm empfunden, als etwas, das ich machen muss, nicht unbedingt aber will. Das Verrückte daran ist aber doch, dass man sich im Gegensatz zu den meisten Schulfächern für sein Studienfach eigenverantwortlich entscheidet. Das man vor lauter “Scheingeilheit” dann im nächsten Schritt aus dem, was man freiwillig begonnen hat, ein Pflichtprogramm macht, habe ich erst am Ende des Studiums begriffen. Sicher wird es kaum ein Studium geben, für das man nicht auch einmal lernen muss, was nicht so sehr zusagt.
Lerne so wenig wie möglich aus dem Pflichtgefühl Deinem Studium gegenüber heraus. Akzeptiere jedoch, dass nicht jeder Inhalt “einfach zugeflogen” kommt. Lernarbeit gehört dazu, wenngleich der überwiegende Teil schlichtweg das sein sollte, was Dir wirklich Spaß macht.
Implizites Lernen maximieren
Implizites Lernen wird häufig auch als spielerisches oder unbeabsichtigtes Lernen beschrieben. Hier macht sich der Lernende die Systematik nicht bewusst, er lernt sie durch Praxis quasi nebenher. EIn Beispiel: Als ich eine Hausarbeit über Paul Theroux schrieb, kniete ich mich wirklich tief in die Inhalte. Ich liebte seine absurd kritische Betrachtung der Südsee in “Die glücklichen Inseln Ozeaniens”. Ich wurde eins mit dem Buch und verstand seine Struktur und die Bedeutung der sprachlichen Bilder, ohne darüber nachdenken zu müssen. Ein Semester später schrieb ich eine Arbeit über Theodor Fontane. Sein Schreibstil erschien mir wie eine Qual, der Inhalt kaum zugänglich. Diese Hausarbeit war im Wortsinn eine harte Arbeit. In beiden Fällen lernte ich einiges, aber nur in einem machte es wirklich Spaß und ging ohne darüber nachzudenken leicht von der Hand.
Finde durch Probieren heraus, welche Fächer und Themen Dir wirklich Spaß machen. Häufig hast Du die Wahl, nutze sie! Und studiere sie mit Herzblut. Sie geben Dir nicht nur ein Ziel, sondern auch die Kraft und Motivation, auch das Pflichtprogramm durchzuziehen.
Wenn Du machst, was Dir Spaß macht, bist Du automatisch gut
Die Botschaft des Professors war deutlich: Studiert, was Euch Spaß macht, dann werdet Ihr automatisch gut sein – und Euch von der Masse abheben.
Sie war so deutlich, dass ich mein Studium der Wirtschaftswissenschaften abgebrochen habe und mich entschloss, einen Magister-Studiengang zu wählen. Germanistik, weil mich die deutsche Sprache und Literatur faszinierte und ich das Schreiben mochte. Psychologie klang interessant, Wirtschaftswissenschaften war für den Lebenslauf gedacht. Mehr und mehr selektierte ich, was mir Spaß machte und so verschmolzen die derart unterschiedlich scheinenden Fächer und ergaben meinen ganz eigenen interdisziplinären Studiengang. Am Ende meines Studiums war keines der Fächer mehr eine Pflicht für mich. Es gab nur noch mein Studium.
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9 Kommentare
Schöne – und lehrreiche – Anekdote!
Ganz unabhängig von der Psychologie des Lernens ist wirklich bemerkenswert, wie viele Studenten im Hörsaal sitzen, die nicht so recht wissen, was sie da eigentlich sollen oder gar ob es das ist, was sie wollen. Ein spannendes Thema, und interessant, dass da so wenig daran geändert wird (“Findungsmonate” nach der Schule? Begleitprozess während der Matura?). Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass wir bald von dir lesen (gesondert/besonders) können, wie man sich Gedanken darüber machen kann, was “einem zusagt”. (Ja, das war eine versteckte Aufforderung.)
Die Aufforderung nehme ich gerne auf. Ich glaube, dass eine Begleitung während des Abiturs zu knapp früh ist. Ich habe erste eine berufliche Zukunft geglaubt und Mut geschöpft, als ich das Blatt Papier in der Hand hielt, welches meine Reife bezeugte. Aber in der Tat sind Findungsmonate eine gute Idee. Ich habe ein Semester Wirtschaftswissenschaften genau zu diesem Zweck studiert. Wenn da nicht das liebe Geld wäre und der Zeitdruck, dem sich viele aussetzen.
Toller Artikel und fast eins zu eins auf mein Studium übertragbar…deswegen wollte ich auch noch furchtbar lange wieder an die Uni zurück und weiter ‘lernen’.
Wiwi hatte ich nach schon 3 Wochen für mein Leben abgehakt!
Auch wenn die Uni aus privaten und beruflichen Zielen abgehakt ist: Jeder mit einem abgeschlossenen Studium hat alle Werkzeuge an die Hand bekommen, um den Weg des idealen ewig lernenden Studenten weiter zu gehen. Ob an der Uni oder am heimeligen Schreibtisch.
Sehr schöner Artikel.
Das Bachelor-Master-System macht das alles noch viel schwerer, weil noch mehr auf Leistung getrimmt wird, weniger auf die Freude am Lernen.
Ich habe auch einen Magister begonnen, viele Jahre Literatur und Philosophie studiert – und bin nun aber bei den Wirtschaftswissenschaften gelandet. Mit der gleichen Freude am Lernen wie die Jahre zuvor.
Trotzdem bin ich ein Stückweit aus dem Studiensystem ausgestiegen – indem mir der Abschluss recht gleichgültig ist. Ich studiere Wirtschaft, aber aus Interesse, nicht für den Lebenslauf. So war es auch mit den Geisteswissenschaften.
Werd diesen Beitrag mal in die Welt tragen und twittern :)
Hallo Christian. Ich freue mich wirklich, dass Dir der Artikel gefällt. Und anscheinend geht Deine Art, zu studieren, in die hier beschriebene Richtung. Der Bachelor ist die erste (verschulte) Etappe, die Basis – wie im Grundstudium lernt man, was man scheinbar braucht. Aus den Erzählungen meiner Freunde und Bekannte ist der Master dahingehend schon wieder mehr ein echtes Studium mit mehr Wahlfreiheit. Schade am Bachelor of Arts ist, dass dieser nur zwei Fächer zulässt. Ich fand die drei Fächer des Magister Artium immer besonders reizvoll. Dein Kommentar ist gewissermaßen das “Best-Practice-Beispiel” zu meinem Artikel. Ich würde mich freuen, wenn ich Dich hier öfter als Leser und Kommentator begrüßen dürfte.
Hi Tim, danke für Deinen Kommentar.
Ja, der Bachelor (of Science bei mir) ist sehr verschult. Aber soll ich Dir was sagen: Das kommt mir gerade sehr gelegen. Nach all den Jahren des Studierens ohne Klaursuren, ohne Lerndruck, mit hohem Erfordernis an Eigenmotivation und Selbstorganisation, kommt mir das entgegen.
Ich genieße das, vielleicht auch nur im ersten Semester, aber immerhin. Es erinnert mich ein bisschen an meine alte Schulzeit (hab das Abi dann auf dem zweiten Bildungsweg im Alleingang gemacht).
Der Abschluss ist mir zwar nicht das wichtigste, sondern mir kommt es auf das ökonomische Wissen, das Konzentrationstraining durch die Mathematik, die Verbesserung meiner Lernmethoden an. Aber ich will den Abschluss trotzdem machen, denn danach “belohne” ich mich mit einem weiterbildenden oder nicht-konsekutiven Master. Die FernUni Hagen bietet z.B. Philosophie an, hier in Berlin gibt es einen Literatur-Master usw.
Meinetwegen kann das Studium noch ewig so weitergehen, ist halt ein Teil meines Lebens ;-)
Hallo,
die Studienwahl ist echt schwierig, wie habt ihr denn herausgefunden, was ihr machen wolltet? Stehe auch vor dieser Wahl, es ist zum Haareraufen :-( Zumal man ja von bestimmten Berufen überhaupt keine Vorstellungen hat oder haben kann (in der Schule hat man schließlich nichts mit Management oder Marketing zu tun!). Welche Tipps könnt ihr mir geben?
Finde übrigens auch, dass man während der Matura nicht genug Hilfe seitens der Schule bekommt. Ich warte ja noch auf den Tag, an dem ich aufwache und mir denke: “Ja, ich bin mir sicher, dass ich __________ studieren will und auch kann!”
Lieber Max, welches Thema interessiert Dich schlichtweg einfach? Biologie, Mathematik? Dies ist der ultimative Tipp: Studier, worauf Du Bock hast, was Deine Leidenschaft ist. Weißt Du nicht? Dann dreh den Spieß herum: Was kannst Du gar nicht? Bei mir war das alles, was mit Zahlen zu tun hatte. Also such Dir ein Fach, was das nicht abdeckt.
Bei mir war das so: Ich wusste, dass ich schlecht in Mathe bin, also habe ich alles weggelassen, wo Mathe eine große Rolle spielt. Wirtschaftswissenschaften war damit zunächst einmal der kleinste gemeinsame Nenner aus “Realitätsnähe” und “wenig Zahlen” im Vergleich zu Ingenieurwissenschaften etc..
Dieses Fach habe ich ein Semester studiert und mich unwohl – auch wegen der Zahlen – gefühlt. Also habe ich mir überlegt, was mir Spaß macht und das war “Deutsch”. So bin ich zu Germanistik gekommen. Das Nebenfach Psychologie war aus Interesse, das Nebenfach Wirtschaftswissenschaften für den Lebenslauf und kaufmännisches Grundwissen.
Was ich dann aus Germanistik machen wollte, habe ich nur durch Praktika und Nebenjobs erfahren.
Wenn Du es irgendwie finanziell hinbekommst, dann gönne Dir vielleicht auch einfach ein solches “Probesemester”. Wenn Du einmal an der Uni bist, dann kannst Du Kontakte knüpfen, Dich mit den Fächern und Dozenten auseinandersetzen und einen echten Einblick in die Anforderungen bekommen. Das ist kein verschenktes Semester, sondern hat mir entscheidend zum Finden meines Weg geholfen!