Mentale Daumenregeln – in der Psychologie Heuristiken genannt – helfen uns, ohne viel Denkarbeit im Alltag zurecht zu kommen. Eine dieser Daumenregeln ist die Verfügbarkeitsheuristik. Nach dieser bewerten Menschen Ereignisse auf der Basis der Leichtigkeit, mit der sich bestimmte Informationen ins Bewusstsein rufen lassen. Je leichter dies fällt, desto größer ist der Einfluss auf die eigenen Bewertungen und Entscheidungen. Mit anderen Worten: Wenn mir etwas leicht einfällt, dann muss es wichtig sein. Wenn es wichtig ist, dann sollte es auch einen Einfluss auf meine Entscheidungsfindung haben.
Warum wir Angst vor dem Fliegen haben
Das Fliegen wesentlich ungefährlicher ist als Autofahren ist eine Binsenweisheit – und immer wieder statistisch belegt worden. Wer sich mit dem Thema beschäftigt, wird eher Angst haben, morgens zur Arbeit zu fahren, denn in den Sommerurlaub zu fliegen. Trotzdem begegnen mir immer wieder Menschen, die Flugangst haben. Woran liegt das? Flugzeugabstürze sind in der Regel wesentlich dramatischer in ihren Auswirkungen als Autounfälle. Es gibt meist keine Überlebenden und viele Menschen sterben auf einen Schlag. Hinzu kommt, dass Medien umfassend über Flugzeugabstürze berichten, egal wo diese auf der Welt passieren. Die tagtäglichen Autounfälle dagegen finden nur in Extremfällen den Weg in die Nachrichten. Dies führt dazu, dass uns Flugzeug-Unfälle deutlich leichter wieder einfallen – beispielsweise kurz vor dem Start des Ferienfliegers. Unabhängig davon, wie häufig sie tatsächlich auftreten. Weil sie uns besonders leicht einfallen, erachten wir sie als wichtig. Schließlich fürchten wir um unser Leben.
Der Weg aus der Misere
Wer sich über die Fakten bewusst ist – beispielsweise die Zahl der Todesfälle bei Flugzeugabstürzen und Autounfällen kennt – und weiß, wie die Heuristik funktioniert und sich diese bewusst macht, hat schon einen ersten Schritt zur Bekämpfung seiner Flugangst gemacht. Das Problem: Je stärker eine Emotion – in diesem Fall die Angst – im Spiel ist, desto eher vertrauen Menschen auf ihre mentalen Daumenregeln und desto schwerer wird es, gegen Flugangst anzukämpfen.
Dieser Artikel fußt auf der Erklärung der Verfügbarkeitsheuristik in Social Psychology
von Baron, Branscombe und Byrne. ISBN 13: 978-0205619214
Das Foto des Frankfurter Flughafens wurde von loop_oh aufgenommen.
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2 Kommentare
Theoretisch stimmt das zwar alles. Praktisch ist es aber so, dass eine Flugangst (wie auch alle anderen Phobien) in der Regel eben nicht vom Verstand kommen und daher auch nicht (oder nur wenig) über den Verstand beeinflußbar sind.
Wenn ich Angst vor Spinnen habe, dann kann ich mir stundenlang klarmachen, dass das harmlose und nützliche Tiere sind. Damit habe ich mein Problem aber noch lange nicht los.
Und genauso läuft das auch mit der Flugangst. Vorausgesetzt es ist eine echte Phobie. Wenn jemand einfach nur ein mulmiges Gefühl beim Gedanken ans Fliegen hat, dann kann es durchaus hilfreich sein, sich mit den Zahlen und Fakten auseinandersetzen. Bei echter Flugangst wird das jedoch nichts nützen. Hier muss man nicht den Verstand, sondern das Unterbewusstsein davon überzeugen, dass fliegen ok ist.
Beispielsweise mithilfe von Hypnosetherapie.
Hallo Katharina! Dankeschön für Deinen hilfreichen Kommentar! Wir müssen hier zwei Dinge klar voneinander unterscheiden: Diese mentalen Daumenregeln greifen im Allgemeinen bei allen “normalen” Menschen, in “normalen” Situationen. Mit “normal” meine ich, dass ich nicht von einer Erkrankung wie einer Phobie rede, sondern von einem ganz normalen Mechanismus unseres Gehirns. Mit “normaler” Situation meine ich, dass der Otto-Normal-Bürger beispielsweise meist keine extrem negativen Erfahrungen mit dem Fliegen macht und dadurch auch nicht vorbelastet ist.
Ganz wichtig ist aber auch und da stimme ich Dir voll und ganz zu, dass jeder, der ernsthaft unter Flugangst leidet (oder unter jeder anderen Angst), sich auch um Hilfe bemühen sollte. Hier ist die Verfügbarkeitsheuristik sicher das kleinste Problem!
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