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Vom Verschenken (eines Blogs)
Ich hätte die Seite wie viele andere im Netz einfach verschwinden lassen können. Allerdings war ich von den vielen positiven Rückmeldungen überrascht, als ich erzählte, dass ich das in Erwägung ziehe. Wenn Löschen aber keine Option ist, verwaisen lassen nicht mein Ding, und verkaufen nicht in Frage kommt… Da hatte Tim die schöne Idee, die Seite zu verschenken. Ohne Bedingungen. WIr wollten nur wissen, welche drei Dinge der neue Betreiber im nächsten Jahr anders machen würde. Die konnten beliebig sein.
Nur: Es ist gar nicht so leicht, etwas zu verschenken. Vor allem, wenn es etwas größeres ist.
Warum eigentlich? Schließlich könnte es doch jeder haben, ohne irgendetwas tun oder leisten zu müssen.
Da fingen die Schwierigkeiten an. Da es jeder haben kann – wie sagt man das jedem? Schließlich ist das Internet kein Rathausplatz, an dem man einfach eine Ansprache hält und es genug Menschen hören. Also verfasste ich einen Blog-Eintrag, in dem ich die Situation darstellte, twitterte über die Aktion, und schrieb und sprach ein paar Bekannte und Freunde direkt an – Mund-zu-Mund-Propaganda. (Werbung schalten um etwas zu verschenken war nicht drin.)
Ein paar Menschen griffen das auf (Details weiter unten), und verbreiteten ihrerseits die Nachricht. Doch das verhalte schnell, und die ersten Reaktionen, die dann kamen, waren interessant: dass viele nicht glauben wollten, dass es ohne Verpflichtungen war. Wahrscheinlich wirkte die Aktion, als hätten die Zeugen Jehovas an die Türe geklopft. Es wurde aber nie explizit gefragt, wo denn der Haken an der Sache sei (den es ja nicht gab).
Daraus abgeleitet war wohl der Anspruch, der kommuniziert wurde. In beide Richtungen. Einige glaubten, dass die Seite einen hohen Anspruch hätte, und sie diesen nicht erfüllen oder weiterführen könnten (aber müssten). Das hat mir zwar geschmeichelt – ich selbst das aber gar nicht so gesehen. Vor allem aber hätte ich nicht in der Form gedacht, dass das ein Problem sein könnte. Auch der Hinweis, dass alle alten Inhalte ja gelöscht werden könnten, war nicht entkräftend: sie selbst wüssten es ja, unter welchem Vorzeichen die Seite stand, und sie wären ja nicht die einzigen, die sie kannten. Eine reine Vermutung: Vielleicht hat es auch eine Rolle gespielt, das wenn man so etwas angeht, eher etwas eigenes machen möchte.
Stellte all das keine Hürde da, lief es noch immer auf das letzte Problem hinaus, das ja auch meines war: die liebe Zeit. Jeder, der schon mal häufiger geschrieben hat, weiß, dass lange Texte lange brauchen, und kurze unverhältnismäßig länger. Wer also eigene Ideen einbringen und ausformulieren wollte, hätte sich da ein ganz schön zeitintensives Hobby angelacht. Verständlich.
Schließlich kam ich zu der Idee, das es wohl auch an einer Form von indirekter Verantwortung für den neuen Betreiber liegen könnte.
Auch wenn das natürlich hochgegriffen ist und der Vergleich nicht wirklich passt, hat es einen Bezug. Diese freundliche Form des “Ist jetzt deins – und deine Sache” funktionierte nicht. Außerdem war es keine Position, die man einfach auferlegen konnte, keine, die ehrenamtlich und entsprechend anerkannt sein würde (hätte man erst draus machen müssen), und eben auch kein Gut, das man verkaufen konnte, und fertig.
Bei allen Bemühungen in der Zeit war das Fazit beinahe: Immersion I/O ließ sich nicht verschenken.
Dass es dann doch noch zu einem glücklichen Ende kam, lag dann wohl auch eher am Glück: das jemand – Ludger sein Name –, der nicht durch die Maßnahmen von dieser Aktion fuhr, sondern eher zufällig darüber stolperte, die bestehenden Inhalte der Seite ganz interessant fand, und sich einfach bewarb.
Zugegeben: es spielte eine Rolle, dass Ludger der einzige war, der sich wirklich “beworben” hatte. Nach all den Erfahrungen aber im Vorfeld war die nun mit ihm die unkomplizierteste und einladendste.
Da ich ja begriffen hatte, dass ohne weitere Unterstützung das Geschenk nicht funktionieren würde, half ich Ludger gerne erstmal bei ein paar Anpassungen und technischen Feinheiten, pflegte das, was er anders machen würde (unter anderem ein anderer Name) direkt ein, und gab konzeptionelle Tips. Durch das bedingungslose Verschenken hatte ich also ein wenig Verantwortung übernommen. Hätte es wohl eine Gegenleistung (außer Erfahrung und einen echt netten neuen Kontakt) gegeben, hätte es wohl auch eine klare Trennung gegeben, dass ein Besitzerwechsel stattgefunden hat.
So bleibt am Ende zu sagen, dass letztlich das Geschenk seinen Weg zu jemandem gefunden hat, der genauso offen war und sich überraschen ließ, was sich daraus entwickelt, wie Tim und ich. Jedem, der irgendeine Form von Erwartung hat, kann man wohl nicht ohne Weiteres etwas ohne Intention schenken.
Wen die Zahlen interessieren
Beim Aufruf hatte Immersion I/O zuletzt monatlich knapp 3500 Besucher, um die 200 Feed-Abonnenten, fast 1600 Follower bei Twitter, drei E-Mail Abonnenten und 12 Fans bei Facebook. (Ja, das sind mal bunte Zahlen.)
Dreiviertel der Besucher kamen über Suchmaschinen, (knapp) angeführt von Bildersuchen rund um Arnold Schwarzenegger (der “meistgelesene” Eintrag war dann also auch ).
Was innerhalb eines Tages nach dem Aufruf passierte:
Auf einen Schlag hatten mich 16 Leute bei Twitter “unfollowed”, dreimal so viele wie sonst (es folgten allerdings jeden Tag enstprechend mehr). Es kamen zu dem Zeitpunkt mehr Leute über eine Google-Bildersuche auf Immersion I/O als über den Aufruf (was allerdings auch ungewöhnlich viel in dem Zeitraum war). Immerhin haben sich innerhalb der ersten 24 Stunden 190 eindeutige Benutzer den Aufruf angesehen. Von denen…
Was innerhalb einer Woche nach dem Aufruf passierte
Es gab insgesamt 17 Retweets (danke!) und einen Blog-Eintrag (danke besonders dafür!). Auch die Besucherzahlen hatten sich etwas verschoben: im wesentlichen dahin, dass sich ungefähr jeder zehnte Besucher, der über den Aufruf kam, nun auch die “Über uns”-Seite aufrief, und sich doppelt so viele wie vorher auch noch die Startseite angesehen haben. Insgesamt hatten sich knapp 800 Besucher den Aufruf angesehen.
Es gab einen Kommentar mit ernsthaft bekundetem Interesse (der von Ludger), zwei indirekte Absagen via Twitter und fünf Absagen nach direkter Ansprache via IM.
Wie es vier Wochen später und nach Übergabe aussieht
Nachdem Tim und ich uns eine Woche vor Ablauf der Frist für Ludger mit seiner Idee Schillerwelt I/O entschieden hatten, hat die Domain
immersion.ionoch eine Woche lang auf die neue Domainschillerwelt.orgweitergeleitet. Danach war nur noch letztere zu erreichen.Schillerwelt I/O hat seitdem knapp 150 Besucher, 2 Feed-Abonnenten, 3 Fans bei Facebook und 1507 Follower bei Twitter.
Das dürfte aber in erster Linie wirklich daran liegen, dass die alte Domain nicht mehr erreichbar ist, und die neue vielen unbekannt. Das wiederum lässt bei den hohen Zahlen zuvor den Rückschluss zu, dass zwar viele in irgendeiner Form die Inhalte abonniert, aber nur die wenigsten sie auch tatsächlich gelesen hatten.
Fazit
Insgesamt lässt sich also – rein den Zahlen nach – sagen, dass durch den Aufruf zwar mehr Besucher auf Immersion I/O gewesen sind, diese sich allerdings fast nur den Aufruf angesehen hatten und es sonst zu vernachlässigende Auswirkungen auf die Statistiken der Seite gab. Das deckt sich mit meiner Erfahrung, dass auf Websites, die als Werbemaßnahme Gewinnspiele oder spezielle Aktionen anbieten, (neue) Besucher auch nahezu nur diese besuchen und den Rest des Angebotes vernachlässigen, und so eine Aktion mit dem Ziel einer Reichweitenvergrößerung nicht funktioniert (was es in diesem Fall ja nicht gewesen ist).
Für ein quantitativ gleichbleibende Zahl von “Lesern” hätte der Domain-Name nicht geändert werden dürfen.
Zum Thema “verkaufen”
Bevor dann auch die Frage auftaucht, warum ich die Website nicht verkauft oder versteigert hätte: das hatte einen wesentlichen Grund. Immersion I/O war von vornherein nicht kommerziell, und zwar konsequent bis zum Ende. Trotzdem hätte mich natürlich schon interessiert, ob und wie viel Geld dabei herum gekommen wäre.
Wäre es kommerziell gewesen, hätte ich versucht es zu verkaufen (dann wahrscheinlich durch eine Auktion). Allerdings wäre das auch nicht so einfach geworden: was wäre überhaupt der Verkaufswert gewesen, wäre ein erzielter Dumping-Verkaufspreis in Ordnung, und was wäre, wenn ich sie wie sauer Bier angepriesen hätte, und nicht verkauft? Das hätte sich sicherlich negativ auf die zukünftige Entwicklung ausgewirkt. Generell aber – wenn Immersion I/O kommerzielle gewesen wäre – wäre es vielleicht auch überlegenswert gewesen, gar nicht zu verkaufen und stattdessen mehr Zeit hineinzustecken, damit der finanzielle Ertrag höher ist.
Die Erfahrung wäre sicherlich auch spannend gewesen.
Dieser Artikel ist ein Gastbeitrag von Benjamin Wittorf. Wirf doch einmal einen Blick auf sein neues Blog netzwerk-organisatorische formen.
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