Sind Egoisten bessere Menschen?

Jeder denkt nur an sich. Nur ich, ich denke an mich. Bei Yahoo! CLEVER wurde vor kurzem die Frage gestellt, ob dieser Spruch denn wahr sei. Schaut man sich die Antworten an, so scheint die Meinung einhellig: ja, er trifft zu. Aber ist es nun verwerflich, egoistisch zu sein? Oder bin ich es vielleicht von Natur aus? Nach unserem ersten Teil der offenen Diskussion Was bringt Unzufriedenheit? hat mir diese Frage nun Dr. med. Marco Ramadani gestellt.

Marco

Es gibt Menschen, die sind egoistisch und denken in aller Regel erst einmal an sich. Bei Menschen, die weniger egoistisch sind, erzeugt das oft Unverständnis aber auch Neid. Ist “an sich selber denken” denn okay?

Tim

Wer gelegentlich mit dem Flugzeug reist, kennt das Sicherheitsvideo vor Abflug. Eine Sequenz demonstriert den richtigen Gebrauch der Sauerstoffmasken: Sollte im Notfall der Kabinendruck absinken, fallen Masken von der Decke, die den lebensnotwendigen Sauerstoff spenden. Zuerst die Maske bei sich selbst aufsetzen, dann dem Sitznachbarn helfen. Diese Regel gilt nicht nur für die echte Luft, die wir zum Leben brauchen, sondern auch für all unsere anderen Grundbedürfnisse. Auf lange Sicht können wir nur für andere da sein, wenn wir mit uns selbst im Reinen sind, wenn es uns körperlich und seelisch gut geht – wenn wir uns als erstes selbst Luft zum Leben verschaffen. Das ist kein Egoismus! Erst, wenn wir atmen können, können wir anderen “beim Aufsetzen der Sauerstoffmasken” helfen – wir können für sie da sein, bis uns die Puste ausgeht. Ich möchte die Frage gerne an Dich zurückgeben: Was denkst Du? Darf man an sich selbst denken?

Was denkst Du? Ist Egoismus menschlich? Bist Du ein Egoist oder handelst Du nur zum Wohle anderer? Ist zum Wohle anderer zu handeln, vielleicht auch egoistisch – im weitesten Sinne?

Marco ist niedergelassener Arzt in eigener Privatpraxis für Hypnotherapie und Klinische Hypnose in Neu-Ulm. Die Photographie des Straßenschildes wurde von mararie aufgenommen.

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4 Kommentare

  1. Marcel Moré
    Erstellt am 26. März 2010 um 08:40 | Permanent-Link

    Das ist mal eine wirklich tiefsinnige Frage. Im Kern der Sache stimme ich der Aussage zu. Dennoch glaube ich, dass die Wortwahl etwas irreführend ist. Wenn man “Egoismus” mit “Selbstsucht” übersetzt – was sicher eine typische semantische Zuordnung ist – dann driftet diese These etwas in die falsche Richtung. Eine “Selbstsucht” führt sicher nicht dazu, ein besserer Mensch zu sein (wenn man “besser” hier im Sinne eines humanistischen Weltbilds einordnet). Weil “Sucht” natürlich per se jenseits einer gesunden Ausgewogenheit liegt.
    Geeigneter wäre es vielleicht hier von “Eigenökonomie”, “Selbstbewusstheit”, “Selbstachtung” oder “Selbstliebe” zu sprechen. Dann macht die These natürlich um so mehr Sinn!
    Vielleicht gibt es ja noch einen anderen besseren Begriff, der den Kern der Sache optimal trifft…
    :-)

    PS: ein schöner Link zum Thema: “Als ich mich selbst zu lieben begann” (Text von Charlie Chaplin)
    https://www.robert-betz.de/joomla/content/view/172/249/

    • Tim
      Erstellt am 27. März 2010 um 18:58 | Permanent-Link

      Dankeschön für Deinen Kommentar Marcel und den Link zu dem grandiosen Text von Chaplin! Egoismus ist erst einmal gar nichts Schlimmes, sondern ein Mechanismus, der hilft, denjenigen Menschen zu schützen, mit dem wir am meisten zu tun haben – uns selbst. Das ist Egoismus im Wortsinn. Es gibt sogar Theorien, die davon ausgehen, dass wir anderen auch nur aus egoistischen Motiven helfen, nämlich weil wir durch diese Hilfe Plus-Punkte auf einem fiktiven Konto der Person sammeln, welche wir bei Gelegenheit wieder – beispielsweise durch einen Gefallen – einlösen können. Selbstsucht – auch im Wortsinn – ist wie Du sagst eine Sucht, damit per se nicht gut. Und übertriebener Selbstbezug zeigt auch, dass die Person nicht verstanden hat, wie wenig wir wirklich selbst erreichen und wie viel wir anderen Menschen direkt oder indirekt verdanken!

  2. Erstellt am 28. März 2010 um 15:38 | Permanent-Link

    Nehmt Euch ein Beispiel an Katzen: sie denken NUR an sich selbst und sorgen wann immer sie können dafür, dass es ihnen gut geht.
    Und was genießen wir selbst am meisten?
    Wenn es der Katze gut geht und sie zufrieden schnurrend auf unserem Schoß liegt. :-)

    Siehe dazu auch hier: http://www.derlebenslustversta.....ine-katze/

    • Tim
      Erstellt am 2. April 2010 um 02:19 | Permanent-Link

      Liebe Katharina – Danke für Deinen Kommentar! Ich musste spontan an einen der Geburtstage denken, wo man verlegen das letzte Stück Kuchen hin und her schiebt mit der Bitte, dass der andere es doch lieber nehmen solle. Mein Hund würde sich über so etwas keine Gedanken machen!

Ein Trackback

  1. [...] This post was mentioned on Twitter by Dr. Marco Ramadani, Tim A. Bohlen. Tim A. Bohlen said: Expedition Ego › Sind Egoisten bessere Menschen? http://bit.ly/ciQ6wQ [...]

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