Schonungslose Ehrlichkeit – auch zu sich selbst

Dieser Artikel ist ein Gastbeitrag von Susann Nicklaus. Er unterliegt ebenso wie alle Inhalte, die von mir stammen, dem Uncopyright. Über eine Namensnennung würde sie sich freuen.

Ehrlichkeit ist so eine Sache. Gleichbedeutend wie die Wahrheit, schmerzt Ehrlichkeit mehr, als das Sie gut tut. Dennoch ist es die wertvollste Eigenschaft, die Menschen haben können, denn auf Ehrlichkeit baut sich Vertrauen auf und Vertrauen ist der Schlüssel für ein gesellschaftliches Zusammenleben.

Der gesunde Menschenverstand versucht, sich das Wesentliche aus den Inhalten auszusuchen, verwertet es in seinem kleinen Kämmerchen da oben im Kopf, raus kommt eine ganz andere „verfälschte“ Wahrheit. Unsere Wahrnehmung ist unsere eigene individuelle Wahrheit, was aber auch bedeutet, das die Wahrnehmung des Freundes, der Freundin, der Eltern oder des Kindes eine andere Wahrheit produziert. Mit diesem Wissen muss man nun die Ehrlichkeit der anderen bewerten.

Die Ehrlichkeit zu Anderen ist das eine, wie ehrlich ist man aber zu sich selbst? Um das herausfinden zu können, braucht man eine Technik, die etwas Übung bedarf, aber zu einer weiteren wertvollen Eigenschaft führt: der eigenen Objektivität. Dabei geht es um das Betrachten von außen, so als ob man vor einer Kamera sein Leben „spielt“ und gleichzeitig sitzt man als Beobachter dahinter.

Ein Beispiel

Ich unterhalte mich mit meinem Partner und es kommt zu einem kleinem Streit. Nun versuche ich mir eine Kamera vorzustellen, die in der Ecke des Raumes versteckt diese Szene aufnimmt.

  • ich beobachte (während der Auseinandersetzung) meine Gestik und Mimik
  • ich höre auf meine Worte und den Tonfall bzw. die Tonlautstärke
  • ich beobachte die Reaktionen meines Partners
  • ich beobachte meine Reaktionen

Das passiert in wenigen Sekunden und oft halte ich dann inne, korrigiere meine Einstellung und versuche objektiv das Ganze zu lösen/beenden. Es hilft mir auch, später mit meinem Partner darüber zu sprechen. Je häufiger ich das tue, um so weniger tappe ich in diese Falle. Denn sein wir mal ehrlich: Viele Streitgespräche hätte ich mir, was die Dauer betrifft, ersparen können, wenn ich nicht von meiner eigenen Wahrnehmung und “Verblendung” geführt wurden wäre.

Nach so einer Beobachtung durch die Kamera kommt der zweite Teil: Analyse

  • War es die Wahrheit, die da aus mir entsprang, oder wollte ich nur provozieren?
  • Wie habe ich dieses Gespräch empfunden (als Betrachter von außen)?
  • Wer war fair, wer war unsachlich? Wer war ehrlich, auch zu sich selbst?

Eigene Fehler und Schwächen einzugestehen ist hart und zeugt von einer guten Selbstwahrnehmung. Manchmal braucht man einen Anstoß von Außen – ein guter Freund, der ehrlich sagt, wenn etwas an Dir nicht stimmt. Kritik ist produktiv, sag ich immer, denn es führt zu Veränderungen. Ehrlichkeit ist Kritik, deswegen ist Ehrlichkeit genauso produktiv. Angst muss man nicht davor haben, denn außer dem kurzen Schmerz der Erkenntnis verliert man gar nichts. Man gewinnt sogar. Ich habe mir angewöhnt ehrlich zu sein und zwar schonungslos. Das ist nicht immer einfach und manchmal brauche ich auch etwas Zeit, bevor ich es aussprechen kann. Aber ich lüge nicht, ich sage, was ich denke. Und damit ich alle gleichermaßen fair behandele, bin ich auch schonungslos ehrlich zu mir. Ich betrachte mich als Menschen, so wie ich die anderen betrachte – von Außen, wie durch eine Kamera. Ich tue mir dabei manchmal mit der Ehrlichkeit weh, aber das ist nur kurz und danach folgt der Prozess der Veränderung, nicht immer, aber oft.

Meine Hoffnung, dass alle Menschen um mich herum so ehrlich sind, könnte in Erfüllung gehen, wenn ich als Vorbild meinen Freunden, Kollegen und Mitmenschen mit schonungsloser Ehrlichkeit entgegentrete und vielleicht kann ich dadurch Einigen dabei helfen, auch ehrlich zu sich selbst zu sein.

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Ein Kommentar

  1. Ben
    Erstellt am 12. November 2009 um 18:19 | Permanent-Link

    Ich hatte mir mal überlegt, was wohl passieren würde, wenn alle Menschen auf dieser Welt auf einmal nur noch die Wahrheit sagen könnten – da es keine objektive gibt, würde sich wahrscheinlich nicht wirklich viel ändern. Würde man das Gedankenspiel mit Ehrlichkeit machen, offenbarten sich zwar die Intentionen, aber genau die würden vermutlich zu sehr viel vielschichtigeren (gesellschaftlichen) Problemen führen (Diktatur der …Schönen, …Reichen, …Intelligenten, …Kräftigen etc.). Siehe Kommentare hier – dort allerdings sollte ich wohl noch die Kategorie “ich zu mir” ergänzen. Vielleicht ist es manchmal gut, dass es in der Natur des Menschen liegt zu lügen.

    Nur in Bezug auf sich selbst sollte man es lernen unbedingt zu vermeiden. (Auch hier ist das Konzept der Selbsttäuschung wohl evolutionär vorteilhaft.) Wie es denn im Umgang mit anderen ist, würde ich wohl sagen, Ja, wenn ich danach gefragt werde.

Ein Trackback

  1. Von Susannalyse am 30. Dezember 2009 um 19:25

    Schonungslos ehrlich…

    Ich habe mich mal wieder mit einem Gastbeitrag über mein Lieblingsthema “ausgetobt” und freue mich das Tim von 1ung7a.de mir die Ehre gibt. Auf Tims Seite kann man noch mehr von solchen wichtigen Themen lesen: hauptsächlich geht es um die Selbstw…

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