Dein Ego und du – Feinde oder Freunde?

Keira Knightley and Her Twin Dies ist ein Gastbeitrag von Susann Nicklaus. Einen weiterführenden Artikel von ihr findest Du hier.

Stell dir vor, Du hast einen siamesischen Zwilling, der immer da ist und Dich überall hin begleitet und mit an Deinen Entscheidungen beteiligt ist. Nennen wir diesen Zwilling Egon. Ihr beide werdet euch ein Leben lang nahe sein – das muss Dir bewusst werden -, eine Trennung bedeutet Euer beider Aus. Egon ist der Dominantere von Euch, er mischt sich überall ein und bestimmt zum größten Teil, was Ihr sagt, kauft, macht und wie Ihr liebt. Du kannst da wirklich nicht viel machen, er ist immer schneller als Du.

Hinterfrage Deine Handlungen

Oft denkst Du nach einer Handlung:

  • War das jetzt richtig?
  • Warum hat Egon so entschieden?
  • Hätte ich das anders gemacht?

Wenn Du dir ab und zu diesen Fragen stellst, dann kannst Du schon mal froh sein, das Egon Dich als Zwilling nicht ganz unterdrückt. Denn manche Egons können das und dann würdest Du nicht mehr ein individueller Zwilling sein, sondern Egon selbst: Du würdest Eins sein mit ihm und er hätte die Kontrolle. Aber in diesem Falle ist das noch nicht so.

Da Egon die meiste Zeit bei Euch das Sagen hat, wird auch oft die nächst liebende Komponente ausgeblendet, denn Egon kennt keine Nächstenliebe, nur Du weißt noch im Verborgenen, was das ist. Während Egon nur an sich denkt und alles tut, dass es ihm gut geht (wohlgemerkt, nicht unbedingt Dir muss es gut dabei gehen), versuchst Du hin und wieder, ihn zu ermahnen, auch an die Anderen zu denken, hilfsbereit zu sein, ehrlich, respektvoll, nicht nachtragend, vorausschauend oder vorbildlich.

Nehmen wir an, Du und Egon sitzen im Bus. Beleuchten wir ein und die selbe Situation mal von zwei Seiten: Wie verhält sich Egon und wie verhältst Du dich?

Die Situation

Der Bus ist voll und stickig. Nur noch nach Hause, das ist alles, was Du möchtest. Dein mp3-Player spielt deine Lieblingsmusik und nachdenklich schaust du aus dem Fenster.

Egon

Ja, mein Lieblingssong… den muss ich lauter hören!

Natürlich so laut, dass die anderen Fahrgäste es mit anhören müssen und dabei aber nur verzerrte, nervige Töne aufnehmen.

Du

Ach ja, ich liebe diesen Song. Muss ich zu Hause mal wieder richtig laut hören. Die Kopfhörer zu Hause sind eh besser dafür.

Egon

Mann, was dauert das so lange, ich will nach Hause. Blöder Busfahrer, der soll mal aufs Gas drücken.

Du

Boah, Busfahrer will ich aber auch nicht sein. Da muss man echt starke Nerven haben, immer ruhig zu bleiben, bei diesem Trubel und dem Verkehr. Und erst die Verantwortung für die vielen Menschen, nee – da habe ich vollsten Respekt.

Die nächste Bushaltestelle kommt und Menschen steigen ein. Eine schwangere Frau sucht nach einem freien Platz, aber der Bus ist voll.

Egon

Die anderen können auch aufstehen. Ich bleibe sitzen. Hab schließlich den gleichen Preis bezahlt wie sie und wer zu erst kommt…

Du

Kommen Sie, setzen Sie sich, ich muss eh gleich aussteigen.

Die schwangere Frau

Ich danke Ihnen, das hat man echt selten.

Du

Ich weiß, aber ich sage mir immer: Was ist, wenn ich in einer Situation wäre, wo ich lieber sitzen sollte. Dann würde ich mir auch wünschen, dass man mir einen Platz anbietet.

Kontrolleure kommen rein und Du bemerkst, dass Du gar kein Ticket gekauft hast.

Egon

Mist, wie schaffe ich, rauszukommen, ohne dass die es mitbekommen.

Kontrolleur

Die Fahrkarten bitte! Sie haben keine?

Egon

Äh doch, ich hab die irgendwo… vielleicht habe ich sie verloren. Ich schwöre, ich habe eine gekauft.

Hier sei deutlich darauf hingewiesen, dass Schwören und gleichzeitiges Lügen sehr oft vorkommt und in meinen Augen schon keine „unschuldige“ Notlüge mehr ist, abgesehen davon, dass Notlügen auch Lügen sind.

Du

Es tut mir leid, ich habe vergessen, eine zu kaufen. Dabei denke ich immer daran, eine zu kaufen, weil ich weiß, dass durch die Tickets Gehälter gezahlt werden und Menschen damit ihre Familie ernähren.

An der nächsten Haltestelle steigst Du aus, da fällt dir ein: Deine Nachbarin hatte dich heute morgen gefragt, ob Du netterweise etwas Bestimmtes aus dem Supermarkt mitbringen kannst. Sie ist krank und zu schwach, raus zu gehen. Natürlich hattest Du heute morgen auf die Schnelle zugesagt.

Egon

Ach was, ich sag einfach, der Supermarkt hatte es nicht mehr. Die kann ja auch jemanden anderen fragen.

Du

Na gut, ich hab es ja zugesagt und irgendwie auch versprochen. Ich stehe zu meinem Wort, alles andere wäre heuchlerisch.

  • Was denkst Du über Egon?
  • Würdest Du so einen Freund haben wollen?
  • Ach ja, Du hast den ja ein Leben lang an Deiner Seite. Es ist völlig egal, ob das nun Dein Freund ist oder Dein Feind. Du musst irgendwie mit ihm auskommen.
  • Was kannst Du nur ein gutes Leben mit dieser Person haben?

Deine nächsten Schritte

  1. Akzeptiere zunächst, dass da ein Egon ist. Jeder hat einen Egon. Du brauchst ihn, um Dein Überleben zu sichern. Wer nicht egoistisch ist, würde verhungern, weil er immer den anderen das Essen geben würde.
  2. Sieh ein, dass Egon mehr Macht hat als Du und dass das nicht sein darf. Willst Du von Egon kontrolliert werden, nie wieder eigene Entscheidungen treffen und nur noch ein „Anhängsel“ Deines eigenen Körpers, Geistes und Seele sein? Ich denke, dass möchte keiner.
  3. Versuch immer die Kontrolle über Egon zu haben:
    • Überlege vorher, bevor Du etwas sagst oder tust (Will das nur mein Ego, oder brauche ich es tatsächlich, um mein Überleben zu sichern?),
    • Lass Dich nicht durch billige Tricks „einkaufen“ (Konzerne wissen, wie Egon drauf ist und füttern ihn fleißig mit materiellen Gütern, wo er glaubt, dass er sie braucht!),
  4. Sei ein Vorbild für Andere (ohne auf den „Ruhm“ zu warten)

Freunde werden Du und Egon nie wirklich sein, aber auch nicht unbedingt Feinde. Es ist wie mit den Menschen um uns herum: Akzeptiere, Respektiere und lebe in Balance mit Ihnen. Ein Teil, der dazugehört und immer da sein wird.

Das Foto von Keira Knightley und ihrem Zwilling wurde von OctoberCrystal aufgenommen.

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